Einheit in der Vielfalt: Auf dem Weg zu tiefergehender sichtbarer Einheit

Mission, geistliches Leben und Seelsorge waren die Themen des 7ten Anglikanisch/Alt-Katholischen Sommerseminars, das vom 4. September bis 9. September in der Schweizer Großstadt Zürich (rund 350 000 Einwohner) stattfand. Klein der Kreis, international die Zusammensetzung: 22 Teilnehmer aus 10 verschiedenen Ländern hörten Referate, fragten nach, bildeten Arbeitsgruppen, erfuhren von der Situation der Partnerkirchen, teilten Mahlzeiten und Freizeit, sammelten sich zu Morgen- und Abendgebet und feierten gemeinsam die Eucharistie. In der römisch-katholischen Pension St. Joseph waren die zumeist jungen Studenten und Studentinnen und Pfarrer sehr innenstadtnah untergebracht. Gleichzeitig erfreuten sie sich der Gastfreundschaft der anglikanischen Ortsgemeinde St. Andrew's und der Christkatholischen Augustinerkirche (in der Schweiz heißt die Kirche der Utrechter Union Christkatholische Kirche) . Während der Woche in Zürich, in der eine Menge thematischer Arbeit angegangen wurde, lockerten Ausflüge nach Blumberg, Solothurn oder eine abendliche Fahrt auf dem Zürichsee mit den Ehrenamtlichen der Züricher Kirchengemeinde die Arbeitsdisziplin in angenehmer Weise auf. In Solothurn ergab sich nach dem Pontifikalamt mit Bischof Gerny bei anschließendem Imbiss auch die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Ortsbischof. Die Tage Dienstag bis Donnerstag waren jeweils einem speziellen Thema zugeordnet: Mission, geistliches Leben und Seelsorge.

Mission

Der Hauptvortrag zum Thema wurde von Dr. Harald Rein gehalten, dem Pfarrer der christkatholischen Gemeinde in Winterthur. Das bekannte Motto US-amerikanischer Wirtschaftsunternehmen "grow or go" (wachsen oder gehen) wandelte Rein für die Situation der christkatholischen Kirche der Schweiz in ein "grow or die" Motto ab (jede Gemeinde, die nicht wächst, stirbt). Reins Situationsanalyse basierte auf den säkularen westeuropäisch-nordamerikanischen Gesellschaften, daher sind die Ergebnisse auf fast alle Länder der Teilnehmer ähnlich übertragbar. Ob sich die Säkularisierung der Gesellschaft global fortsetzt und anderen Staaten oder Kontinenten dieselbe Entwicklung also nur mit Zeitverzögerung bevorsteht, ließ Rein bewusst offen. Er wies aber ausdrücklich darauf hin, dass der Prozess der Säkularisierung schon im 18. Jahrhundert einsetzt und kein Produkt der Moderne oder Postmoderne ist. Die Frömmigkeit des einzelnen zeigt ihm zufolge heute kein allgemein verbindliches Muster mehr, sondern läuft in den Bahnen individueller Zusammensetzung ab (patchwork pattern). Auch das territoriale Modell der Gemeinde der Umwohnenden (Parochie bzw. Pfarrei) hat nach Rein seine Bedeutung verloren, weil man sich heute dazu entscheidet, zu einer bestimmten Gemeinde zu gehören und dabei mobil ist. Für Rein gibt es für die Kirche keine Alternative, als die Situation positiv aufzunehmen und die Chancen zu ergreifen, die im zeitlich begrenzten Engagement der Mitglieder, in einem überkonfessionellen Charakter und der Offenheit über die Kerngemeinde hinaus liegen.

In Kurzreferaten wurde das Thema Mission mit Beispielen weiter beleuchtet. Andreas Löwe (Cambridge) berichtete über eine Reihe von Kulturveranstaltungen, die in und rund um die Hochschulkapelle stattfanden. Als Initiator des Selwyn College Chapel Festival zog er das Resümee, dass auf diese Weise einer Reihe von Studenten der Zugang zu kirchlichen Angeboten auf unaufdringliche Art wieder nahegebracht werden konnte. Ewa Dabrowa referierte über den russisch-orthodoxen Theologen Georgij Florovsky und sein Verständnis kirchlicher Einheit aus orthodoxer Perspektive.

Geistliches Leben

Zwei niederländische praktische Theologen bekamen die Teilnehmer von Mattijs Ploeger in seinem Hauptreferat am Mittwoch vorgestellt. Sehr stark auf Methoden und Ergebnisse der Soziologie bezugnehmend, folgern sowohl van der Ven als auch Vercammen, dass Kirche sich dem Modell des religiösen Marktes stellen muss. Ploeger gab Beispiele wie dies für eine alt-katholische Gemeinde auf einem Dorf und in einer mittelgroßen Stadt aussehen könnte. Edmund Newey, Lars Simpson and Peter Ben Smit ergänzten das Hauptreferat. So fand eine exegetische und liturgische Tiefenbohrung eines Verses aus Psalm 51 statt: "Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde." Edmund Newey stellte einige Kerngedanken des Theologen Jeremy Taylor vor, die er als "verkörperte Spiritualität" bezeichnete. Für Jeremy Taylor wie Richard Hooker war die Möglichkeit der Teilhabe am göttlichen Leben in der Inkarnation Christi grundgelegt. Das verwandte Konzept der Theosis ist zwar aus der orthodoxen Theologie besser bekannt, hat aber durchaus auch westliche Theologen als Gewährsleute wie Augustin oder Thomas von Aquin. In einer der Arbeitsgruppen war nach den Beiträgen zur Spiritualität einhellige Meinung, dass die Beispiele nur als Startpunkt eines persönlichen Erfahrungsaustausches dienen können.

Seelsorge

Was tun, wenn dringend seelsorglicher Beistand erwünscht ist, der Pfarrer oder Pfarrerin der Gemeinde aber ständig einen vollen Terminkalender hat? Alja Tollefsen zeichnete die tägliche pastorale Arbeit in dem Dreieck "zur Verfügung stehen", "für sich selbst Sorge tragen" und "notwendiges Verweisen an Spezialisten". In ihrem Hauptreferat zum Thema ging sie auf die Gefahr eines Abhängigkeitsverhältnisses von Ratsucher und Ratgeber ein und beschrieb die latente Allmachtsphantasie im "Messias Syndrom". Die Hauptthese ihres Referats lautete: Seelsorge verhilft dem Menschen, auf Ganzheitlichkeit und Heiligkeit hin zu wachsen.

Einen Schnitt in der Thematik bedeutete das Referat von Yazeed Said, der die Situation der Anglikanischen Kirche in Palästina beschrieb. Die Zuhörer erfuhren viel über die Geschichte des Bistums in Jerusalem und im Mittleren Osten. Die Anglikanische Kirche betrachtet den orthodoxen Patriarchen als den legitimen Bischof in Jerusalem, bewusst wurde deshalb der anglikanische Bischofstitel gewählt: "Bischof in Jerusalem", nicht von Jerusalem.

Wegen Krankheit konnte Charlotte Methuen ihren Beitrag leider nicht selbst vortragen. In einem den Teilnehmern zur Verfügung gestellten Papier beschreibt Methuen, wie sich das Problem der sich überschneidenden Jurisdiktionen in Deutschland durch eine gemeinsame Synode immer weniger stellt: dem Council of Anglican Episcopal Churches in Germany.

Verbundenheit vertiefen

Den thematischen Umfang des Sommerseminars darzustellen, fängt die Atmosphäre noch lange nicht ein. Die persönlichen Begegnungen hatten mindestens denselben Stellenwert und trugen zum Gelingen der Konferenz bei. Über alt-katholische und anglikanische Gemeinden in ganz verschiedenen Ländern Erfahrungen austauschen zu können, zu hören, wo es auch auf der Tagesordnungsliste der Ortskirchen Gemeinsames und Unterschiedliches gibt, die privaten Begegnungen auf den Ausflügen oder in nächtlicher Weinrunde - dies alles füllte die volle Kirchengemeinschaft zwischen Alt-Katholiken und Anglikanern mit Leben für die Teilnehmer. Auch liturgisch wurde erlebt, wie bereichernd die Vielfalt der Ortskirchen sein kann: abwechselnd in der Liturgie eines jeweiligen Landes wurde morgens in St. Andrew's die Eucharistie gefeiert und abends in der christkatholischen Augustinerkirche Abendgebet gehalten. Für das nächste Jahr ist freilich ein Tagungsort gewählt, in dem Alt-Katholiken und Anglikaner sich in Extremdiaspora befinden: Rom. Nachdem es der Gesundheit des Bischof von Rom aber sichtlich bekommt, Jugendlich um sich zu haben, sollte vielleicht eine Einladung mehr verschickt werden.

Holger Laske, Köln (Deutschland)