'Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der anglikanischen und altkatholischen Ekklesiologie'

... war das Thema der gemeinsamen anglikanisch-altkatholischen Theologenkonferenz, die vom 29. August bis zum 2. September in Hinsley Hall (Leeds, England) stattfand. Dieses Thema war gewählt worden, um die Bedeutung des 1931 vereinbarten Bonner Abkommens über Interkommunion (später: 'vollständige kirchliche Gemeinschaft') vertieft zu studieren. Das 75-Jahr-Jubiläum dieses englisch so genannten "Bonn Agreements" zwischen den anglikanischen und altkatholischen Kirchen wird im nächsten Jahr gefeiert, u.a. am Internationalen Altkatholiken-Kongress in Freiburg im Breisgau.

Der Aufbau der Konferenz unterschied sich von dem bisheriger Konferenzen. Die Organisation befand sich in den Händen einer ad-hoc-Kommission der IBK (Internationalen Altkatholischen Bischofskonferenz), in der die Anglikaner durch Dr. Paul Avis, u.a. Leiter des Zentrums für die Erforschung der christlichen Kirche in Exeter, sowie Louise Walton vertreten waren und die Alt-Katholiken durch die Pfarrer Mattijs Ploeger (NL) und Robert Frede (NL) unter Beratung durch Prof. Dr. Urs von Arx (CH). Aus finanziellen Gründen war die Konferenz einen Tag kürzer als sonst, was auf Kosten des traditionellen gemeinsamen Ausfluges ging. Da es zudem ungefähr dreimal soviel Vorträge gab wie sonst und da die Referate häufig an Ort und Stelle gekürzt werden mussten, war das Programm der Konferenz eine grosse Herausforderung für die körperlichen und intellektuellen Ressourcen der TeilnehmerInnen.

Die Beteiligung war gut. Es gab 35 Anglikaner, unter ihnen 21 Engländer(innen), fünf vom europäischen Kontinent und vier aus den Vereinigten Staaten. Unter ihnen waren sieben Bischöfe: Jonathan Gledhill, Bischof von Lichfield und ständiger Delegierter des Erzbischofs von Canterbury für die Utrechter Union; Mike Klusmeyer, Bischof von West-Virginia und ständiger Delegierter der Episkopalkirche in den Vereinigten Staaten (ECUSA) für die Utrechter Union; David Hamid, Weihbischof von Bischof Geoffrey Rowell aus der Diözese der Kirche von England auf dem europäischen Kontinent; Ian Brackley, Bischof von Guildford; John Hind, Bischof von Chichester und ehemaliger Bischof für den europäischen Kontinent; Ian Cundy (Petersborough); und der irische Bischof von Cashel und Ossory, Peter Barrett.

Es gab auch 35 Altkatholiken, unter ihnen 19 Niederländer, fünf Deutsche, fünf Schweizer, fünf Österreicher und einen Tschechen. Es gab aber nur einen altkatholischen Bischof: Dr. Joris Vercammen, den Erzbischof von Utrecht. Wie bei den Anglikanern waren die meisten altkatholischen Teilnehmenden PfarrerInnen (u.a. vier der sechs Kanoniker des Utrechter Metropolitankapittels), aber es gab auch - anders als es sonst der Fall ist - eine grosse Delegation der anglikanisch-altkatholischen Willibrordgesellschaft.

Vorgeschichte

Die elf Vorträge waren über fünf Themen verteilt. Am Montag abend fing Prof. Dr. Urs von Arx an mit einem langen Referat, in dem er auf die historischen Hintergründe des Bonner Abkommens (1931) einging. Er zeigte auf, dass die Alt-Katholiken bei ihren Verhandlungen mit den Anglikanern auch immer ihren Kontakten zu den Orthodoxen Rechnung getragen haben. Bei diesem so genannten Trilateralismus ging es um die Einheit derjenigen katholischen Kirchen, die sich nicht in Gemeinschaft mit Rom befanden.

Für Ihr Ko-Referat hatte die anglikanische Kirchenhistorikerin Dr. Charlotte Methuen, die auch als assistierende Priesterin mit der altkatholischen Kirchgemeinde Essen (Deutschland) verbunden ist, die Lang-Archive erforscht, die erst seit einigen Jahren für Forschungszwecke freigegeben sind. Cosmo Lang war von 1928-1942 Erzbischof von Canterbury und stark in den Verhandlungen, die zum Bonner Abkommen führten, u.a. mit dem altkatholischen Erzbischof von Utrecht, Franciscus Kenninck (1859-1937), involviert.

Ekklesiologie

Am Dienstag morgen gab Mattijs Ploeger einen klaren Überblick über die altkatholische Lehre von der Katholizität der Kirche, von ihrer Apostolizität und von einer trinitarischen und eucharistischen Auffassung der Kirche. Er zeigte auf, wie diese altkatholische Lehre sich vor allem nach 1889, als die Utrechter Union entstanden war, Schritt für Schritt entwickelt hat, wobei die Arbeit von Erzbischof Andreas Rinkel von Utrecht (1889-1979) und dessen Freund und Amtskollegen, dem Schweizer Bischof Dr. Urs Küry (1901-1976), eine Schlüsselrolle spielte.

In seinem Ko-Referat bemerkte Dr. Paul Avis, dass es nicht einfach sei, aus anglikanischer Perspektive auf dieses Referat zu antworten, denn AnglikanerInnen hätten eine eingeborene Abneigung dagegen, ihre tiefsten Glaubensüberzeugungen klar zu artikulieren. Es gibt denn auch manchmal sehr grosse Unterschiede zwischen anglikanischen Kirchen und denjenigen Gruppierungen in ihr, die sich teils als katholisch, teils als reformiert, teils aber auch als 'reform-katholisch' betrachten. Nichtsdestotrotz wagte er den Versuch, einen Überblick über diejenigen Schriften zu geben, in denen so etwas wie eine anglikanische Ekklesiologie enthalten ist. Dazu gehören nicht nur die 'historischen Formulare' wie die 39 Artikel und das Book of Common Prayer (1662), sondern auch die Entscheidungen der Lambeth-Konferenzen der anglikanischen Bischöfe seit 1867 und die Aussagen der Dokumente und Abkommen der verschiedenen offiziellen ökumenischen Dialoge.

Bischofsamt

In den nächsten zwei Vorträgen wurden aus anglikanischer und altkatholischer Perspektive die Themen des Bischofsamtes, der Kollegialität, der Konziliarität und des Primates innerhalb der Kirche behandelt. Der anglikanische Kirchenhistoriker Dr. Colin Podmore, ehemaliger Sekretär des Council for Christian Unity und jetzt Sekretär des House of Clery, der Dioceses Commission und der Liturgical Commission, wies darauf hin, dass es innerhalb der einzelnen anglikanischen Kirchen (und um so mehr auf der Ebene der Anglican Communion) keine von allen akzeptierten verbindlichen ekklesiologischen Definitionen gibt. Auch signalisierte er, dass diese Situation sich gegenwärtig ändert wegen der ökumenischen Dialoge, an denen die anglikanischen Kirchen teilhaben. Den Teil seines Referates über das Bischofsamt konnte er aus Zeitmangel leider nicht vortragen; die anglikanische Auffassung diesbezüglich, wie sie u. a. im Porvoo-Abkommen ausgedrückt worden ist (nämlich dass das Bischofsamt nicht notwendig ist für das Fortbestehen der Kirche), scheint sich ja mit der altkatholischen Auffassung zu reiben.

In seinem Ko-Referat brachte Prof. Dr. Günter Eßer aus Bonn eine Zusammenfassung der in dieser Hinsicht wohl allgemein bekannten altkatholischen Lehre.

Die lokale und universale Kirche

Zu diesem Thema hielt die Anglikanerin lic. theol. Sarah Aebershold, die in Bern christkatholische Theologie studiert hat, eine interessante Einleitung aus altkatholischer Perspektive. Zum Schluss ihres Referats wagte sie es (mit Prof. Von Arx) zu fragen, ob es realistisch wäre, von Rom zu erwarten, auf die Paptsdogmen von 1870 zu verzichten, so dass der Primat des Bischofs von Rom mehr in Übereinstimmung käme mit der diesbezüglichen Auffassung der Ostkirchen. Eine andere Frage, mit der sie ihr Referat abschloss, hatte mit den sich überschneidenden Jurisdiktionen in Europa zu tun. Sie fragte, ob es nicht möglich wäre, auf eine weitergehende Einheit der verschiedenen Kirchen hin zu arbeiten. Auch fragte sie, ob die kleinen Unterschiede zwischen der anglikanischen und der altkatholischen Kirchen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen der Lokal- und der Universalkirche miteinander in Einklang gebracht werden könnten.

In seinem Ko-Referat behandelte Prof. J. Robert Wright aus New York (Mitglied der ECUSA) das gleiche Thema im Lichte des Windsorrapports (2004). Dieser Rapport ist auf Betreiben des Erzbischofs von Canterbury verfasst worden und befasst sich mit der Frage, wie die anglikanischen Kirchen ihre Gemeinschaft angesichts der gegenwärtigen Krise über Fragen der (Homo-)Sexualität aufrecht erhalten können. Er stellte die These auf, dass dieser Rapport, der sich unter anderem mit den anglikanischen ökumenischen Dialogen mit der Römisch-Katholischen Kirche und den Orthodoxen befasst, die Spannung zwischen dem lokalen und dem universalen Aspekt der Kirche unzureichend behandelt. Altkatholische Ekklesiologie könnte seiner Meinung nach bei der Lösung dieses Problems eine Hilfestellung bieten.

Einheit und Gemeinschaft: mystisch und sichtbar

Dieses letzte Thema wurde von Bischof John Hind anhand der Frage 'Was hält die anglikanische Gemeinschaft zusammen?' behandelt. Er beantwortete die Frage unter Verwendung der Resolutionen der 13 Lambethkonferenzen, die zwischen 1867 und 1998 abgehalten worden sind.

In seinem Ko-Referat behandelte Prof. Von Arx unter anderem den neutestamentlichen Befund hierzu.

In einem dritten kurzen Beitrag zu diesem Thema, einer Zusammenarbeit von Prof. Jan Visser (Niederlande) und Dr. Angela Berlis (Niederlande), stellte die vortragende Mitverfasserin fest, dass Begriffe wie 'Interkommunion' und 'vollständige kirchliche Gemeinschaft' Kompromisse sind und dass in den letzten Jahrzehnten daran gearbeitet worden ist, die Gemeinschaft zwischen altkatholischen und anglikanischen Kirchen zu vertiefen: durch gemeinsame Bischofskonferenzen, den Austausch von ständigen Delegierten zu den jeweiligen Bischofskonferenzen, Kommissionen wie dem AOICC (Anglican - Old-Catholic International Coordinating Council), Kontakten auf Gemeindeebene sowie weiteren Vereinbarungen und Konsultationen.

Keine Schlusserklärung

Nach jedem Set von Vorträgen gab es die Möglichkeit, im Plenum Fragen zu stellen, und siebenmal kamen die TeilnehmerInnen in Diskussionsgruppen zusammen, um das Gelesene eingehender zu besprechen. Dabei wurde auf Antworten auf drei Fragen zugearbeitet:
1. Was verbindet Anglikaner und Altkatholiken ekklesiologisch und worin unterscheiden sie sich?,
2. Welche Chancen gibt es für weitere Konvergenzen in Theologie und Auftrag der Kirche?,
3. Wie sieht der weitere theologische und praktische Weg aus?
Zweimal wurde aus den Gruppen an das Plenum rapportiert. Die abschliessende Sitzung fand unter dem Vorsitz von Erzbischof Vercammen statt. Obwohl es im Programm vorgesehen war, dass, wie üblich, an diesem Ort die Konferenzresultate formuliert werden würden, damit es zu einer Schlusserklärung der Konferenz kommen könnte, war dies nicht der Fall, wodurch es auch keine Erklärung geben konnte.

Die TeilnehmerInnen können zurückblicken auf einen intensive, lehrreiche Konferenz, bei der es auch noch Zeit gab für gemeinsame Laudes (Morgengebete), Eucharistiefeiern und Vespern (Abendgebete) sowie den Austausch mit alten und die Begegnung mit neuen Freunden.

Die Texte der elf Referate werden voraussichtlich in der IKZ veröffentlicht.

Lidwien van Buuren
(Übersetzung: Peter-Ben Smit / Klaus-Heinrich Neuhoff)
© Christkatholische Kirchenblatt, Oktober 2005