Engagierter theologischer Austausch über die Grenzen

Schon zum siebten Mal trafen sich junge altkatholische und anglikanische Theologinnen und Theologen zu einem Sommerseminar. Es fand vom 4. bis 9. September in Zürich statt und stand unter dem Thema "Einheit in der Vielfalt: Auf dem Weg zu tiefergehender sichtbarer Einheit".

Vor sechseinhalb Jahren war es ein Winterseminar, das junge altkatholische und anglikanische Theologinnen und Theologen zum ersten Mal in dieser Form zu einer Woche zusammenbrachte - eine Woche des theologischen Austausches, des Kennenlernens der Kirche am Ort und des gemeinsamen Betens. Diese drei Elemente sind geblieben, wenn das Seminar auch nicht mehr im Winter stattfindet, und wenn sich der Teilnehmerkreis auch erweitert hat. Ursprünglich war es eine Veranstaltung von Theologiestudentinnen und ?studenten, heute spricht das Seminar auch fertig ausgebildete, bereits im Berufsleben stehende Theologinnen und Theologen an. Insgesamt waren es gut zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Themenkreis Mission...

Am ersten Tag drehte sich der theologische Austausch um den Themenkreis Mission. Zunächst referierte Pfr. Harald Rein aus Zürich und vertrat die These, dass eine Gemeinde langfristig nur zwei Wege hat: wachsen oder sterben. Er verband dabei in anregender Weise Erkenntnisse der Soziologie und der Theologie.

Pfr. Harald Rein war der einzige von aussen beigezogene Referent. Es gehört zu den Traditionen dieser anglikanisch-altkatholischen Seminare, dass die Fachreferate in erster Linie von den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern selbst vorbereitet und gehalten werden. So sprach zum Themenkreis Mission auch noch Andreas Löwe aus Cambridge, der über seine Erfahrungen mit einem missionarischen Projekt am College berichtete. In einer Aktionswoche wurde versucht, die Kapelle des Colleges wieder vermehrt ins Bewusstsein der Studentinnen und Studenten zu bringen, etwa durch Konzerte, Vorträge und spezielle Gottesdienstformen. Als dritte Referentin stellte Ewa Dabrowa aus Warschau die Sicht kirchlicher Einheit des orthodoxen Theologen Georges Florovsky dar.

...Geistliches Leben...

Am zweiten Tag hielt Pfarrvikar Mattjis Ploeger aus Egmond aan Zee das Hauptreferat zum Themenkreis "geistliches Leben". Er untersuchte, wie Spiritualität im Spannungsfeld zwischen katholischer Tradition und postmoderner praktischer Theologie zu betrachten sei. Er erörterte dabei die Kirchenmodelle zweier holländischer Theologen und eines Soziologen. Dabei kam er zum Schluss, dass das religiös vielfältige "Marktmodell" - jeder nimmt sich aus dem vielfältigen spirituellen und religiösen Angebot das, was ihm zusagt - zwar theologische Probleme aufweist, aber soziologisch nicht zu vermeiden ist. Eine Ablehnung des Modelles bringe wenig, da es einfach eine Realität sei. Es sei vielmehr wichtig, die religiöse Vielfalt im Rahmen eines "Marktmodells" zu bejahen und seinen Standpunkt darin zu suchen. Diese Auffassung löste interessante Diskussionen aus.

Neben dem Hauptreferat gab es nicht weniger als drei Kurzreferate: Pfr. Edmund Newey aus Cambridge, Peter-Ben Smit aus Ijmuiden und Pfr. Lars Simpson aus Lancaster. Die Themen spannten sich von der Verwendung der Psalmen im Morgengebet bis zur Frage, wie englische Theologen des 16. und 17. Jahrhunderts die Teilhabe des Menschen an der göttlichen Natur gesehen haben.

...und Seelsorge

Der dritte Tag stand ganz im Zeichen des Themenkreises Seelsorge. Pfarrerin Alja Tollefsen aus Bramhall sprach über ihre Erfahrungen als Seelsorgerin, über die Schwierigkeiten, wachsende berufliche Anforderungen und Wunsch nach Privatleben unter einen Hut zu bringen, über die Grenzen, die Seelsorgerinnen und Seelsorger haben, aber auch über die Gefahr, diese Grenzen als Ausreden für halbherziges seelsorgerliches Engagement zu benutzen. Das Referat wurde sehr gut aufgenommen, und es wurde beschlossen, diesen Themenkreis zum Schwerpunkt des nächsten Seminars zu machen.

Pfr. Yazeed Said aus Kfar Yasif sprach in einem Kurzreferat über die anglikanische Kirche in Israel. Er unterstrich dabei vor allem die Entwicklung von einer "englischen" zu einer "einheimischen" Kirche, die die Kirche durchgemacht hat, und erläuterte dies an zahlreichen interessanten Beispielen. Ein symbolischer Schritt der Kirche war etwa, in den Fürbitten nicht mehr einfach der Königin von England zu gedenken, wie es in den von der englischen Kirche übernommenen liturgischen Texten stand, sondern der eigenen Regierenden.

Die Kirche kennen lernen

Das Seminar beschränkte sich aber nicht auf den theologischen Austausch. Ein wichtiger Aspekt war auch, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern etwas von unserer kirchlichen Realität zu zeigen. Ein Ausflug führte nach Schaffhausen und Blumberg, wo die Pfarrer und Leute aus der Gemeinde zum Gespräch mit der internationalen Gruppe, die am Seminar teilnahm, bereit waren. Am Mittwochabend fand eine Schifffahrt auf dem Zürichsee statt, zu der die Kirchgemeinde Zürich alle eingeladen hatte, die in der Kirchgemeinde irgendeine Aufgabe haben, und wir durften ebenfalls an dieser Schifffahrt teilnehmen. Nur einer von zahlreichen Beiträge der Kirchgemeinde Zürich an das gute Gelingen des Seminars, für den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr dankbar sind.

Am Freitag schliesslich stand ein Ausflug nach Solothurn auf dem Programm, mit einem Spaziergang in die Einsiedelei, einem von Bischof Hans Gerny zelebrierten Gottesdienst in der Franziskanerkirche und einem Empfang durch den Ortspfarrer Peter Hohler und Vertreterinnen und Vertreter der Kirchgemeinde.

Ora et labora

War der Grundsatz des Heiligen Benedikt schon Thema des ersten Seminars im Januar 1994, so hat es sich in all den Jahren stets durchgezogen: Beten und Arbeiten sind gleichermassen wichtig. Jeden Tag gab es eine Eucharistiefeier und ein Morgen? oder Abendgebet. Hier kamen auch die verschiedenen Sprachen voll zum Tragen: Deutsch, Englisch, Französisch, Holländisch und Polnisch. Die einzelnen Länderdelegationen konnten so einen Einblick in die liturgische Tradition ihrer Kirche geben.

Für die Morgengottesdienste trafen wir uns jeweils in der anglikanischen St. Andrews' Church in Zürich. Abends feierten wir in der Augustinerkirche, wenn nicht gerade ein Ausflug auf dem Programm stand. Auch durch die Wahl der Kirchen kam so deutlich zum Ausdruck, dass es sich um eine Veranstaltung handelt, das von Altkatholiken und Anglikanern gemeinsam getragen wird.

Silberberg und die anglikanisch-altkatholischen Beziehungen

Vor zwei Jahren hat das Seminar die sogenannte "Silberberger Erklärung" verabschiedet. In dieser Erklärung werden Vorschläge für die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den altkatholischen und den anglikanischen Kirchen gemacht. In zwei "Silberberg Workshops" wurde diese Zusammenarbeit weiter diskutiert.

Ein Punkt, der in den anglikanisch-altkatholischen Beziehungen mangelhaft ist, ist die gegenseitige Information. Schon die Grundinformation über die jeweils andere Kirche ist nicht besonders gut - es gibt zwar z.B. Bücher in englischer Sprache über die altkatholische Bewegung, aber diese Bücher sind entweder veraltet oder sehr fehlerhaft. In den altkatholischen Kirchen sieht es mit dem Wissen um das Wesen der anglikanischen Kirche nicht besser aus. Aber nicht nur diese Grundinformation, sondern auch (und noch viel mehr) die Kenntnisse über die aktuellen Entwicklungen in der jeweils anderen Kirche sind verbesserungswürdig. In der Diskussion wurde gesagt, wie wichtig es wäre, bestehende Strukturen für die Kontakte und den Informationsaustausch zwischen Altkatholiken und Anglikanern zu nutzen. Leider ist die Willibrord-Gesellschaft und ihre nationalen Sektionen bei den Kirchengliedern zu wenig bekannt.

Wie weiter?

Auch für nächstes Jahr ist wieder ein solches Seminar geplant, diesmal wieder im Frühling, kurz nach Ostern, da sich diesmal die zeitliche Nähe zur internationalen altkatholischen Theologenkonferenz als nicht so geschickt erwiesen hatte. Das Seminar wird in Italien stattfinden, der genaue Ort steht noch nicht fest. Inhaltlich wird es sich um Fragen der Seelsorge drehen. Neu wird es auch eine Website des Seminars im Internet geben, und zwar unter der Adresse http://www.willibrord.org - das Fernziel ist, unter dieser Adresse eine Internet-Präsenz über alle Aspekte anglikanisch-altkatholischer Zusammenarbeit aufzubauen.

Was vor sechseinhalb Jahren auf Initiative befreundeter Theologiestudenten aus den beiden Kirchengemeinschaften begann, ist zu einer festen Institution geworden - und einer erfolgreichen dazu. Teilnehmerzahl und Anzahl der Herkunftsländer steigen Jahr für Jahr, und es melden sich so viele Leute freiwillig für Referate, dass kaum mehr alles im Programm untergebracht werden kann. Dieser Austausch entspricht offensichtlich einem echten Bedürfnis. Ich hoffe, er lässt sich auch auf anderen Ebenen intensivieren.

Adrian Suter, St. Gallen (Schweiz)