Anglikanisch-altkatholische Seminar - Prag 2002

Als meine Frau und ich am 15. August von Zürich-Kloten aus in Richtung Prag losflogen, waren wir froh, dass wir uns entschieden hatten, nicht mit der Bahn zu fahren: die Strecke an der Elbe zwischen Dresden und Prag war überschwemmt, und am Abend vorher war kein einziger Zug nach Prag gefahren. Der wunderschöne Anblick der Alpen und des Bodensees stand in einem starken Kontrast zu dem Bild, das sich uns über Prag vom Flugzeug aus bot: ganze Täler standen unter Wasser. - Auch die Teilnehmenden des 9. anglikanisch-altkatholischen Sommerseminars trafen teilweise mit ein bis zwei Tagen Verspätung ein. Nichtsdestotrotz begannen wir am Donnerstag nachmittag mit der Eröffnungseucharistie; war es doch der vierte Jahrestag meiner Priesterweihe durch Bischof Joachim Vobbe in Köln!

Das Seminar stand unter dem Thema "Diakonie". Diakon Jakub Smrcka aus Tschechien zeigte uns, was er unter Diakonie verstand, indem er sein Referat "Möglichkeiten und Aussichten des kirchlichen Diakonats" nicht selber hielt, sondern schriftlich vorlegte: er selbst half bei Aufräumarbeiten im Dorf seiner Mutter... Wir waren uns einig, dass Diakone und Diakoninnen wirklich, wie Jakub schrieb, nicht "Priester zweiter Klasse" sind, sondern vielfältige seelsorgliche, liturgische und soziale Tätigkeiten ausüben, einschliesslich der Krankensalbung. - Ursula und Michael Glienecke von der anglikanischen Gemeine in Riga berichteten anschliessend über die Situation der kirchlichen Diakonie in Lettland. Im Süden des Landes, einer der ärmsten Gegenden Europas, gibt es keine Sozialhilfe und kein Arbeitslosengeld; die Bevölkerung geht stark zurück; die Selbstmordrate ist eine der höchsten in Europa, besonders unter Männern, die wegen der niedrigen Löhne ihre Familien nicht mehr ernähren können; Alkoholismus ist weit verbreitet. Dies sind schwierige Rahmenbedingungen für die diakonischen Anstrengungen der kleinen anglikanischen Gemeinde, die eine Suppenküche (auch im Winter unter freiem Himmel, bei hohen Minusgraden) und eine offene Seniorenarbeit umfasst. Wir beendeten den 1. Seminartag mit einer Besichtigung der Burg unter Führung von Pavel Blazenin und einer Eucharistiefeier mit Bischof Dusan Hejbal (siehe Foto).

Am Samstag hatten wir das Glück, in Professor David Holeton aus Prag einen der bekanntesten anglikanischen Liturgiker mit einem Vortrag über die eucharistische Liturgie als "Vorspeise des Reiches Gottes" zu hören: so wie der erste Gang eines Essens Lust macht auf den Hauptgang, so bereitet uns nach Holeton die Eucharistie auf das Reich Gottes vor. Denn hier sind alle (aufgrund der Taufe) eingeladen, den Frieden jenes Reiches vorwegzunehmen; alle bekommen gerade genug zu essen und nicht zu viel oder zu wenig; die Gebete formen unsere Weltsicht und die Art und Weise, wie wir beginnen können, das Reich Gottes vorwegzunehmen. In der Diskussion wurde gefragt, ob die Eucharistie nicht auch Menschen ausschliesse; Jesus allerdings, so Holeton, hat bewusst mit Menschen gespeist, die von anderen ausgeschlossen wurden! - Pfarrer Lars Simpson aus Lancaster zeichnete anschliessend ein Bild der "Kirche im 21. Jahrhundert"; mit diesem Thema nahmen wir Bezug auf das Kongressthema: sie werde "beziehungsorientiert" sein. So versteht er seine Pfarrgemeinde betont als Gemeinschaft von Menschen (`parish community'). Ökumene, fairer Handel, Hausgruppen und der kreative Umgang mit überkommenen Traditionen gehörten zu den Bereichen, aus denen er Beispiele für ein solches gemeinschaftsbezogenes Leben gab.

Drei Workshops schlossen sich am Nachmittag an. Im ersten berichtete Pfr. Christoph Schuler, La Chaux-de-Fonds, über die Arbeit von "Partner sein"; im zweiten gab es ein Gespräch über "musikalischen Gemeindeaufbau" mit praktischen Anleitungen zum mehrstimmigen Singen, angeleitet durch Isabel Schau; im dritten versuchten wir zusammen mit Lars Simpson, die Beziehungsorientierung der Kirche des 21. Jahrhunderts im Glaubensbekenntnis zu entdecken. - Der anglikanische Pfarrer John Philpott (Prag), der wie alle Anglikaner in Tschechien offiziell zur altkatholischen Kirche gehört, leitete die Eucharistie am Abend. In der Predigt zeichnete er Parallelen zwischen der Flut in Prag und der zur Zeit Noas (Gen 7, 17 - 8, 22). Dabei verwendete er auch Gedankengänge des Reformators Calvin, ohne sich allerdings die Bemerkung zu verkneifen, dieser sei wohl nicht unsere "cup of tea"...(siehe Foto).

Peter-Ben Smit berichtete am Abend aktuell über die Theologie und Geschichte der philippinischen unabhängigen Kirche, deren 100-Jahr-Feier er gemeinsam mit Mitarbeitern altkatholischer Hilfswerke und dem Erzbischof Joris Vercammen besucht hatte; das grosse diakonische Engagement dieser Kirche und ihre befreiungstheologische Ausrichtung sind dort offenbar nicht ganz unumstritten, aber vorherrschend. Neu ist die Ansiedlung von vier anglikanischen Brüdern (`Melanesian Brotherhood', ein Orden mit zeitlich beschränkten Gelübden) auf der Insel Palawan, einer Missionsdiözese.

Am Sonntag, den wir überwiegend in Prag verbrachten, referierte noch Diakon Karel Kolacek aus Tschechien, vorwiegend auf der Grundlage der Schriften von Prof. Zulehner aus Wien, über die Kirche im 21. Jahrhundert. Nach Zulehner soll die Kirche nicht bloss Moral verkünden, sondern durch die Einführung des Menschen in das göttliche Geheimnis seinen Hunger nach einem Obdach für die Seele stillen.

Das nächste Seminar, welches das 10. in jährlicher Folge sein wird, soll, so weit es die politischen Verhältnisse zulassen, nach Möglichkeit in Jerusalem stattfinden. The Reverend Yazeed Zaid, ein Teilnehmer mehrerer Sommerseminare vergangener Jahre und jetzt tätig an der Kathedrale "St. George", lädt uns ein, unsere gemeinsamen Wurzeln im Katholizismus und im Volk Israel zu suchen. Zusammen mit Dr. Andreas Löwe aus England sowie Pfr. Christoph Schuler und mir versucht er, einen geeigneten Termin sowie Sponsoren zu finden, ohne die die Teilnahme von Studierenden an einem solchen Seminar nicht möglich ist (Informationen beim Pfarramt von 4500 Solothurn, Zeughausgasse 17, or email).

Pfr. Klaus Heinrich Neuhoff, Trimbach